Corona-Virus und planbare Operationen - Interview mit Chefarzt Dr. Mathias Bender

Endoprothetikzentrum Bad Windsheim ist auf angekündigten Regelbetrieb ab Mai vorbereitet / Chefarzt Dr. Mathias Bender gibt Einblicke

Gesundheitsminister Jens Spahn hat am Freitag, den 17.04.2020, in Aussicht gestellt, dass Kliniken ab Mai zum Regelbetrieb zurückkehren dürfen. Wie das Endoprothetikzentrum der Klinik Bad Windsheim sich darauf vorbereitet und welche Patienten auch jetzt schon operiert werden, berichtet Chefarzt Dr. Mathias Bender.

 

Alle nicht notwendigen Operationen sind bis auf weiteres abgesagt. Was aber heißt eigentlich „notwendig“?

Dr. Mathias Bender: In der Tat gibt es dabei einen gewissen Interpretationsspielraum sowohl für die einzelnen Bundesländer als auch für den jeweiligen Operateur. Was nicht verschiebbar ist, liegt im Auge des Betrachters. Grundsätzlich gilt: Bei elektiven Operationen, also planbaren Wahleingriffen, die Wochen oder Monate nach dem Erstgespräch mit dem Patienten stattfinden, lässt sich schwer begründen, warum sie sich nicht verschieben lassen sollten. Ausnahme: Der Patient hat so starke Schmerzen, dass sie sich mit konservativen Mitteln nicht lindern lassen, auch nicht vorübergehend.

 

Es finden also weiterhin Eingriffe im Bereich Endoprothetik und Unfallchirurgie statt? Welche Operationen werden noch durchgeführt?

Dr. Mathias Bender: Auch jetzt operieren wir Arthrose-Patienten, die starke Schmerzen haben. Zum Beispiel, weil sich eine Prothese gelockert hat oder Patienten mit einer Hüftkopfnekrose, wenn also der Hüftkopf nach mangelnder Durchblutung einbricht. Das ist akut schmerzhaft und nur schwer durch Schmerzmittel zu beeinflussen. Außerdem finden natürlich weiterhin alle unfallchirurgischen Notfalloperationen statt: Handgelenksbruch, Beinbruch und so weiter. Die Unfallchirurgie macht, was sie immer macht. In anderen medizinischen Bereichen gibt es weiterhin Operationen in der Geburtshilfe sowie in der Bauchchirurgie. Dort wird wie in der Endoprothetik auch alles weiterhin operiert, was dringend ist und sich nicht verschieben lässt, wie Eingriffe an der Galle, am Blinddarm oder bei Tumorerkrankungen.

 

Mal unabhängig von Operationen: Welche Leistungen bieten Sie im Bereich Endoprothetik jetzt noch an?

Dr. Mathias Bender: Weiterhin möglich sind Sprechstunden mit dringlichem Bedarf sowohl für Patienten, die bereits hier waren, als auch für neue Patienten. Darunter zählen nicht die ganz normalen Kontrolluntersuchungen, die drei Monate und ein Jahr nach einem Eingriff angesetzt werden. Wenn man diese um ein paar Wochen verschiebt, ist das aus medizinischer Sicht nicht dramatisch. Über das MVZ kommen zudem Notfallpatienten weiter zu uns. Allerdings unter strengsten Vorsichtsmaßnahmen. Unter anderem wird bei jedem Patienten die Temperatur gemessen, um ein möglicherweise in Zusammenhang mit dem Coronavirus stehendes Fieber auszuschließen.

 

Alle Welt redet von Corona und davon, dass das Gesundheitssystem überlastet werden könnte. In den Kliniken gibt es aber offenbar noch freie Kapazitäten. War es wirklich notwendig, planbare Operationen für so lange Zeit auszusetzen?

Dr. Mathias Bender: Das Staatsministerium hat Mitte März den Erlass herausgegeben, dass bis zum 15. Mai keine planbaren Operationen durgeführt werden dürfen. Ich erachte die Maßnahmen als sinnvoll. Spätestens nachdem ich Bilder aus Italien und Spanien gesehen hatte, war mir klar, diese Entscheidung war kein Fehler. Es ist ein steiler Peak Corona erkrankter und in Lebensgefahr befindlicher Patienten erwartet worden, der bisher zum Glück ausgeblieben ist. Die Intensivstationen sind neu ausgestattet worden mit 50.000 Euro pro Bett. Für mich Hinweise darauf, dass die Politik sich auf eine hohe Zahl an intensivpflichtigen vorbereitet hat. Auch wenn meine Patienten im Bereich Endoprothetik in den seltensten Fällen auf die Intensivstation verlegt werden und damit die für Corona-Patienten und lebensbedrohlich verletzte oder erkrankte Personen bereitgehaltenen Kapazitäten hätten in Anspruch nehmen müssen, reicht zur Veranschaulichung eine einfache Rechnung: Für jede Operation brauche ich 5 Kittel und 7 Mal Mundschutz. Das hochgerechnet auf mehrere Operationen in mehreren Operationssälen und dann auf alle Krankenhäuser in Deutschland zeigt, dass wir damit die ohnehin mangelnde Schutzkleidung sinnlos vergeudet hätten. Aus meiner Sicht war diese Entscheidung zwar unbequem für uns und unsere Patienten, aber genau richtig.

 

Sie haben dann mehrere Wochen lang nicht operiert. Müssen Patienten befürchten, dass Sie aus der Übung sind?

Dr. Mathias Bender: Schlimmstenfalls dauert die erste Operation etwas länger als sonst, wobei sehr viel Routine dabei ist. Selbst wenn wir nachts um 3 Uhr aus dem Tiefschlaf geweckt und in den OP zitiert werden, laufen die meisten Prozesse automatisch. Und wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, kommt Adrenalin dazu. Dann sind Sie ohnehin hellwach und hochkonzentriert. Ich würde das mit Fahrradfahren vergleichen. Unsere Operateure haben 20 Jahre und mehr Erfahrung im Einsatz künstlicher Gelenke. Das verlernen sie nicht innerhalb weniger Wochen.

 

Wer eine Operation vornehmen lassen wollte, hat dafür sicher seine Gründe, leidet also vermutlich unter starken Schmerzen, auch wenn es sich um eine planbare, nicht als dringlich eingestufte Operation handelt. Können Sie diesen Patienten einen Ausblick geben, der Hoffnung macht?

Dr. Mathias Bender: Nach jetzigen Stand dürfen wir ab 15. Mai wieder operieren. Wenn ich bis zum 30. April keine neuen politischen Vorgaben erhalte, fangen wir ab 4. Mai an, Patienten einzubestellen und mit Sprechstunden, Patientenschulung, Gehschulung und Prothesenplanung auf die Operation vorzubereiten. Momentan kann ich durch unsere fehlenden operativen Einsätze Personal anders verplanen. Ich habe also bis Mitte Mai personelle Kapazitäten, in Doppelstrukturen die verlorene Zeit aufzuholen, damit Patienten nicht länger als nötig auf ihr neues Gelenk warten müssen. Selbstverständlich in der gewohnt hohen Qualität. Dann werden jeweils zwei Anästhesisten, zwei Chirurgen und zwei Radiologen Sprechstunden und Untersuchungen vornehmen und auch die Patientenschulung wird nicht wie sonst in den Sommermonaten üblich zweimal in der Woche, sondern für diese Übergangszeit viermal in der Woche möglich sein. Sofern die Politik also bei ihrem Plan bleibt, sollten wir Mitte Juni alles aufgeholt haben und verlässliche neue Termine geben können.

 

Weitere Infos finden Sie auch unter https://www.kliniken-nea.de/medizin-pflege/klinik-bad-windsheim/endoprothetikzentrum/

 

Was das Warten für Sie bedeutet lesen Sie hier im Beitrag „Hüftoperation verschoben – und jetzt?“ 

 

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